HKR Kitzbühel

Wenn diese Hütte sprechen könnte

23.01.2026

Während draußen Zehntausende feiern und sich die Weltelite über den Ganslernhang plagt, herrscht in einer unscheinbaren Hütte im Zielraum eine ganz eigene Welt. Seit Jahrzehnten ist sie Rückzugsort, Werkstatt und logistischer Fixpunkt der Hahnenkamm-Rennen – und Gerhard Seewald ihr Hüter. Eine Geschichte über Patina, Präzision, tierische Mitbewohner und einen Ort, ohne den das Spektakel nicht möglich wäre.

Es gibt viele Plätze bei den Hahnenkamm-Rennen, die eine einzigartige Magie verströmen: Abgesehen von den Rennstrecken seien etwa das ikonische Starthaus auf der Streif erwähnt, der coole Red-Bull-Bogen auf der Hausbergkante oder der einzigartige Kitz Race Club im Ziel. Inmitten dieser strahlenden Welt eines der prestigeträchtigsten Skirennen der Welt gibt es aber einen – nicht weniger wichtigen – Ort, der wie eine Antithese wirkt. Es ist eine nicht mehr ganz taufrische Hütte am Fuße des Ganslernhangs, am Tag des Slaloms (Sonntag, 10.30 Uhr) prominent im Zielraum gelegen und umringt von über 20.000 Fans.

Ein Blick ins Innere lässt das laute, schrille und glamouröse Geschehen draußen völlig vergessen, denn gleich nach dem Betreten ist die Welt um einen eine andere. Es begrüßt einen Gerhard Seewald, gewissermaßen der vorübergehende Hausherr, aber ohne klare Berufsbezeichnung: „Zu mir sagen alle Materialhittinger“, und damit bringt er seine Aufgabe auch auf den Punkt. Das „Entrée“ der Hütte ist warm und gemütlich, an den Wänden hängen vor allem Erinnerungen an eine Zeit vor Netzen, Airfences, Aufprallschutzmatten oder Zusehertribünen. Ein Bild zeigt den unteren Abschnitt der Streif aus den 1970er-Jahren, am Rande der Strecke steht eine Reihe von Staketenzäunen.

In der Materialhütte – nomen est omen – lagert alles, was auf Streif und Ganslern so benötigt wird: Torstangen, Drähte, Seile, Schrauben, Scheiben, Muttern, Bolzen, Schaufeln, Rechen, Pickel, sogenannte Krukn (für die Präparierung), ein Paar Not-Ski, die wohl schon zu Zeiten von Alberto Tomba im Einsatz waren, und Erdferkel (sic!). Das sind kaputte Torstangen, die man in ihrem zweiten Leben dafür verwendet, um Diverses im Schnee zu fixieren. Die Aufgabe von Gerhard Seewald ist es, diesen Schatz zu verwalten – das heißt auszugeben, zurückzunehmen, zu dokumentieren und vor allem zu reparieren. Es dauert nicht lange, und schon platzt jemand mit einem Wasserwerfer in die Hütte und sagt: „Da hab ich wieder was für dich. Der ist undicht!“ Auftrag angenommen.

Seit 1985 arbeitet der Kitzbüheler für die Hahnenkamm-Rennen. Angefangen hat er bei der „Zaunpartie“ (Stichwort: Staketenzaun), 1997 hat er die Materialhütte übernommen – und diese Aufgabe, für etwa sechs Wochen im Jänner und Februar, liebt er: „Ich habe mit so vielen Leuten zu tun, und jeder hat eine Freude, wenn er etwas von mir bekommt.“ Natürlich ist die alte Hütte auch eine Art Logenplatz, um dem Trubel während des Slaloms etwas zu entkommen. Am großen Tisch sind schon einige große und mittelgroße Namen gesessen und haben mit Gerhard angestoßen. Mehr kommt ihm dazu aber nicht über die Lippen: „Über gewisse Sachen darf man nicht reden.“

Über die anderen Gäste spricht er schon offener: über das Vogelnest vor dem Eingang, die „Wespenchalets“ im Inneren oder den Bienenstock. Zum Glück scheint derzeit überall niemand zu Hause zu sein, doch sobald es wieder wärmer wird, gilt: „Die Hütte lebt“, wie es Gerhard formuliert.

Die Ausmaße des nostalgischen Holzbaus sind von außen nicht einmal annähernd vorstellbar. Sie besteht aus zwei großen Räumen, mit weitestgehend akribisch aufgeräumten Abschnitten, umringt von Spinnweben, Staub und jeder Menge Patina. Und wenn man glaubt, alles gesehen zu haben, fragt der Materialhittinger: „Wollts noch in den Keller?“

Auch wenn Gerhard Seewalds Arbeitsplatz nur einen Erdferkel-Wurf vom Slalomziel entfernt liegt, sieht er sich das Rennen lieber in seiner Hütte im Fernsehen an: „Es wäre nicht ideal, wäre die Hütte während des Rennens unbesetzt.“ Ab Montag beginnt das große Aufräumen, Zurücknehmen, Reparieren und Einlagern. Und an dieser Stelle möchte Gerhard Danke sagen: „Die Zusammenarbeit mit Peter Widmoser und seinem Bergteam ist immer super.“ Peter ist nämlich für das große Lager in der Grubermühle verantwortlich.

Tickets für den Slalom am Sonntag gibt es hier

Foto © K.S.C./alpinguin


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